Was Kritiker befürchten
Der Soziologe Marko Kovic formuliert in seinem Blog drei überspitzte Thesen: Menschen lesen weniger, recherchieren weniger und analysieren weniger.
Lesen ist eine unserer kognitiv anstrengendsten Fähigkeiten, die wir uns mühsam aneignen müssen. Lesen erlaubt uns, Inhalte präzise aufzunehmen und zu verarbeiten, kostet aber Zeit und Energie. Und genau deshalb ist es verlockend, lange Texte einfach von einem Chatbot zusammenfassen zu lassen. Das Problem dabei: Eine Zusammenfassung bleibt eine Zusammenfassung. Wenn man 50 Seiten auf eine halbe Seite reduziert, gehen zwangsläufig Kontext, Details und Zwischentöne verloren. Genau diese werden aber gebraucht, um Inhalte wirklich zu verstehen und kritisch einzuordnen.
Ähnlich sieht Kovic es beim Recherchieren. Das Internet hat Recherche enorm vereinfacht, aber gute Recherche ist trotzdem Arbeit: Quellen vergleichen, Informationen bewerten, Widersprüche erkennen. Früher wurde dies noch in Schulen erlernt. Heute reicht oft ein Satz in der Google Suche und Gemini liefert direkt eine Antwort. Das ist praktisch – keine Frage. Aber wenn wir uns dauerhaft auf fertige Antworten verlassen, verlieren wir schnell den Anreiz, selbst zu prüfen und zu hinterfragen. Außerdem bleibt der Beigeschmack: Da draußen gibt sich jemand Mühe, Inhalte zu recherchieren, aufzubereiten und zu veröffentlichen und wir lesen am Ende nur noch eine zusammengefasste Version davon.
Lesen und Recherchieren sind letztlich die Grundlage für Analyse. Um Probleme zu lösen oder Entscheidungen zu treffen, müssen wir Informationen einordnen, Zusammenhänge erkennen und verschiedene Perspektiven durchdenken. Analytisches Denken kostet Energie – also eigentlich kein Wunder, dass wir auch das auslagern wollen. Das Problem ist nur: Generative KI analysiert nicht wirklich. Sie reproduziert Muster aus Trainingsdaten. Sie kann bestehende Denkweisen sehr überzeugend wiedergeben, aber sie entwickelt keine neuen Lösungswege.